Centro Sociale

Geschichte

 

Die Gründungsidee 2008

Um Frühjahr 2008 gaben drei Menschen aus dem Viertel den Anstoß, und bald waren es sehr viele, die ein Idee voranbrachten: mitten im gentrifizierten, umstrukturieren Stadtteil fehlten nicht-kommerzielle Räume für unterschiedlichste Veranstaltungen ohne Verzehrzwang und Eintrittsgeld. Die Vorstellung von einem politischen, soziokulturellen Zentrum mit einem breit gefächerten Angebot und mit Freiraum für Aktionen und Aktivitäten von und für Menschen aus der engeren und weiteren Nachbarschaft nahm bald konkrete Züge an: Seit dem Sommer 2008 gibt es das CENTRO SOCIALE im niedrigen Backsteinbau mit dem Türmchen in der Sternstraße 2.

 

Kontrapunkt zur Gentrifizierung

Das Centro Sociale versteht sich als Kontrapunkt zur Gentrifizierung, soll heißen, als Widerborst zur zunehmend umstrukturierten Stadt. Immer mehr Menschen sind von dem, was ihnen jahrelang als ‘behutsame Sanierung’ verkauft wurde, genervt und gebeutelt: ‚Alteingesessene’ AnwohnerInnen und Gewerbetreibende verlassen notgedrungen die Viertel, weil die Mieten zu hoch und das Leben hier zu anstrengend wird. In die als ‚in’ ausgerufenen Viertel können nur noch Menschen ziehen, die es sich leisten können. Häuser und Grundstücke in der westlichen Innenstadt sind für Investoren begehrte, Gewinn versprechende Anlageobjekte – öffentliche, gemeinschaftlich nutzbare Gebäude oder (Park-)Flächen werden bedrängt, verkauft und privatisiert. Das Centro Sociale will der Umstrukturierung etwas entgegensetzen als Raum für gemeinsames Leben ohne Konsumzwang.

 

Gemeinsam entscheiden

Die Initiative für das Centro Sociale ging im Mai 2008 von einigen Menschen aus dem Schanzenviertel aus. Beim zweiten Treffen der Initiative am 18. Juni 2008 dachten bereits rund 80 Menschen einen Abend lang gemeinsam über Möglichkeiten nach, das Projekt zu finanzieren und zu beleben. Das Interesse war immens: Deshalb haben wir bereits im Oktober 2008 gemeinsam die „Sozialgenossenschaft St. Pauli Nord und rundrum eG“ als ‚Dach’ gegründet, die mittlerweile mehr als 300 Mitglieder hat. Es gibt  nach dem Genossenschafsrecht einen Vorstand und einen Aufsichtsrat (die beide ehrenamtlich tätig sind), grundsätzlich entscheidend ist die Generalversammlung und für das Tagesgeschäft wichtig: das monatliche Plenum der Nutzer_innen. Gemeinsam entscheiden alle, die sich engagieren wollen, wie ihr Ort, das Centro Sociale, aussehen soll.

 

Platz für vieles - und noch mehr...

Möglichst alles, was die AnwohnerInnen bzw. die Mitglieder der Genossenschaft dort wollen: Selbst organisierte Fortbildungen, politische Initiativen und Diskussionen, Konzerte, Ausstellungen von KünstlerInnen, Lesungen, Seminare, Familienfeiern und Kindergeburtstage, soziale Selbsthilfegruppen und andere Zusammenkünfte – kurz: ein offener Ort für Kinder, Jugendliche und Erwachsene, ganz gleich, ob sie feiern, spielen, lernen, sich beraten lassen, eine Aktion planen, diskutieren oder oder.

Seit September 2008 tummeln sich immer mehr Aktivitäten im Centro Sociale: die Fahrradselbsthilfe, kreative Räume - exklusiv bzw auch - für Kinder (Kinderballett, Kurse für die Kinder aus der Ganztagsgrundschule Ludwigstraße und aus der Altonaer Schule), Sprachkurse, attac-Arbeitsgruppen, mujeres sin fronteras mit Beratung und Deutschkurs, die Rote Hilfe, Bildungsseminare und Betriebsratsschulungen, Theatergruppen, das Recht-auf-Stadt-Netzwerk mit unterschiedlcihsten Arbeitsgruppen, das Erweiterte Wohnzimmer mit Konzerten, Filmabende und Lesungen und vieles mehr. Nicht zu vergessen, der Bücherbasar für und im Centro Sociale. 

 

Ein Haus der Stadt - und warum die Miete fürs Centro zu hoch ist

Das rund 500 Quadratmeter große Backsteinhaus gehört der Stadt Hamburg und wird von der ehemals städtischen, nun privat wirtschaftenden Firma SteG verwaltet. Bis Dezember 2009 war das Centro Sociale Untermieterin der Lerchenhof Handwerksgenossenschaft, die der Idee des Centros wohlwollend gegenüber stand.

walzing centrowalzing centro

Nachdem das Centro Sociale einen monatelang geführten Wettbewerb um das Haus gewonnen hat, konnte erst einmal ein Übergangsmietvertrag mit der Steg geschlossen werden. Seit Januar 2011 hat das Centro Sociale einen auf fünf Jahre befristeten Mietvertrag mit einer Option auf Verlängerung um weitere fünf Jahre. Damit hat die Sozialgenossenschaft bzw. das Centro den Ausblick insgesamt bis Dezember 2019 bleiben zu können. Wir wissen ja, wie schnell die Zeit vergeht… die Genossenschaft muss insgesamt ca 6500 Euro im Monat aufbringen (für die Miete des Gebäude inklusive Kneipe Feldstern, plus Energie- und andere Nebenkosten). Aus Sicht aller Nutzer_innen ist dies zu viel, vor allem angesichts der Tatsache, dass das Centro ohne jede bezahlte Arbeit und ohne Unetrstützung durch die Stadt in einem städtischen Gebäude mit hunderten von Arbeitsstunden Gemeinwesenarbeit fürs Viertel macht. Deshalb: daumen hoch für Miete runter!

 

Wieso Genossenschaft und was ist das überhaupt?

Die Sozialgenossenschaft, die wir am 12. Oktober 2008 gegründet haben, ist die Trägerin für das CENTRO SOCIALE. Die – gesetzlich festgeschriebenen – Prinzipien einer eingetragenen Genossenschaft (eG) sind Selbsthilfe, Selbstverwaltung, Selbstverantwortung und die wirtschaftliche Förderung ihrer Mitglieder; ein Aufsichtsrat, ein Vorstand plus – in unserem Fall – ein AnwohnerInnenbeirat (Plenum) wachen über das CENTRO SOCIALE. Viele Menschen sollen Mitglied werden können: Ein Genossenschaftsanteil kostet deshalb nur hundert Euro. Wer sich das nicht leisten kann, für den/die hat der Förderverein einen Solidaritätsfonds eingerichtet, auch Ratenzahlung ist möglich. Die Rechtsform Genossenschaft sichert eine möglichst breite Beteiligung vieler Menschen ab (jeder Kopf hat eine Stimme, egal wieviele Anteile jemand gezeichnet hat).

 

Was passiert mit dem Geld der Genossenschaftsanteile?

Jeder Genossenschaftsanteil ist ein Teil des genossenschaftlichen Eigenkapitals. Damit kann die Genossenschaft arbeiten. Die Anteile lagen bis zur Eintragung der Genossenschaft auf einem anwaltlich verwalteten Treuhandkonto und ist mittlerweile sicher und zinsbringend angelegt. Vorerst wird die SozGeno die Beiträge nicht für das laufende Geschäft verwenden.

 

Woher kommt das Geld für Miete, Energie und alles was nötig ist?

Viele engagierte Menschen teilen sich die Arbeit untereinander auf und stemmen das Projekt gemeinsam; auch der Vorstand und der Aufsichtsrat bekommt kein Geld für die Arbeit. Geld fließt über die Raumvergabe an Feierlustige, Versammlungsfreudige und Lernhungrige ans Centro – sie bezahlen nach eigener Einschätzung eine Miete.

 

Außerdem haben sich die benachbarte Kneipe ‚Feldstern’ und das Centro Sociale solidarisch-kollektiv zusammengetan: Für den Betrieb des Feldstern hat sich eine BetriebsGmbH gegründet, in die die Sozialgenossenschaft als Gesellschafterin mit Sperrminorität eintreten wird (Stand Oktober 2012). Das klingt kompliziert, macht aber Sinn, um die gemeinsame Vorstellung umzusetzen, dass die wirtschaftlich orientierte Kneipe (in der Arbeit entlohnt wird) eines Tages in der Lage sein wird, das gemeinsinnorientiertes Vorhaben (mit unbezahlter Arbeit) wirtschaftlich mitzutragen und mit der Unterstützung durch das Centro kann der Feldstern günstige Preise für Essen und Getränke sowie eine faire Bezahlung der angestellten Kräfte gewährleisten (auch ein wichtiger Faktor gegen Gentrifizierung).

 

Der Goldstrom fließt  noch lange nicht. Zur Zeit helfen vor allem viele große und kleine Spenden das Centro Sociale zu finanzieren...

 

WAS WAR WANN: Die ersten zweieinhalb Jahre im Centro Sociale

3. Juni 2008    Erstes AnwohnerInnentreffen zur Beratung über ein Centro Sociale und die Gründung einer Genossenschaft

12. Oktober 2008   Gründungssitzung Sozialgenossenschaft St. Pauli Nord und rundrum eG (Centro Sociale)

15. Januar 2009   Gespräch im Fachamt des Bezirks Mitte. Thema ist die Zukunft des Centro Sociale (anwesend sind neben dem Vorstand der SozGeno die Leitung des Fachamts, der Geschäftsführer der steg sowie VertreterInnen der Bezirkspolitik).

13. März 2009   Registeranmeldung der SozGeno

20. April 2009    Start des (umstrittenen) Wettbewerbs. („Das Fachamt für Stadt- und Landschaftsplanung sucht ein tragfähiges Nutzungs- und Betreiberkonzept für den ehemaligen Hunde- und Pferdeausspannstall in der Sternstraße 2 im Sanierungsgebiet Karolinenviertel“)

17. Juni 2009   Einreichfrist für den Wettbewerb endet. Mitbewerber sind das Haus 73, alsterstern und der Träger Arinet

___ Gründungstreffen des Fördervereins

30. Juli 2009   alsterstern zieht sich aus dem Wettbewerb zurück. Die Einrichtung der Stiftung Alsterdorf verzichtet nach Gesprächen mit dem Vorstand der SozGeno zugunsten des Centro Sociale auf eine eigene Bewerbung.

11. September 2009   Wettbewerbs-Jury tagt – und trifft keine Entscheidung. Die Jury besteht aus zehn VertreterInnen aus Bezirkverwaltung, Bezirkspolitik, Sanierungsbeirat, Finanzbehörde und steg.

Einen Tag später, am 12.9., findet das Schanzenfest statt.

23. Oktober 2009   Nachgeschobene zweite Einreichfrist für den Wettbewerb endet

5. November 2009   Die Jury tagt erneut. Das Centro gewinnt den Wettbewerb. Das Haus 73, das viel Kritik aus dem Stadtteil für den Konkurrenzauftritt geerntet hatte, hat sich mittlerweile aus dem Verfahren zurück gezogen.

28.12.2009   Der Förderverein Freundinnen und Freunde des Centro Sociale e.V. beantragt den Eintrag in das Vereinsregister.

11. Februar 2010   Registereintragung der Sozialgenossenschaft  (ab jetzt „eG“)

April 2010    Der Förderverein Freundinnen und Freunde des Centro Sociale e.V. wird als gemeinnützig anerkannt.

22. Juni 2010    Die Sozialgenossenschaft St. Pauli Nord und rundrum eG unterzeichnet den Mietvertrag für die Sternstr. 2 für eine Laufzeit von fünf Jahren und einer Option für weitere fünf Jahre

1. September 2010  Eintragung der Feldstern BetriebsGmbH im Handesregister B Registerblatt HRB 115031. Unterzeichnende des Gesellschaftervertrages sind die Gesellschafter Andreas Abt, Gerald Hoppe, Fabian Lützelberger und mit einer Sperrminorität von 25,1 % die SozGeno St. Pauli Nord und rundrum eG.

11. Oktober 2010   Umbaubeginn. Der Umbau ist mit rund 230.000 Euro finanziert durch den Bezirk Mitte aus Mitteln der städtebaulichen Förderung. Zuwendungsempfängerin ist die steg. Das Centro beteiligt sich an der Planung und am Umbau (Eigenleistungen, Muskelhypothek, wöchentliche Baubesprechungen). Maßnahmen u.a. Neubau Sanitär inkl Rolli-WC, barrierefreier Zugang, neuer Heizkessel, Brandschutz, neue Versorgungsleitungen, neue Eingangstüren, Schallschutz, Lüftung.

22. Dezember 2010   Wiedereröffnung des Centro Sociale (wärmer, heller, barrierefreier)

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