Centro Sociale

Film aus Indien: "Nuclear Lies"

23.09.2015 (Mittwoch) 19:30
Saal

Der 72-minütie indische Dokumentarfim „Nuclear Lies“ nimmt uns mit auf eine Reise
zu verschiedenen Standorten der Atomindustrie in Indien – angefangen bei einer
Uran-Mine über die derzeit größte geplante Nuklearanlage der Welt in Jaitapur an der
Westküste bis hin zu den beiden Reaktorblöcken bei Kudankulam an der Südspitze
Indiens. Der Film widmet sich den Stimen und Perspektien der Betroffnen und
ihrem persönlichen Kampf ums Überleben.
Der indische Regisseur Praved Krishnapilla steht bei der anschließenden Diskussion zur Verfügung.
Der Film ist mit deutscher Synchronisation.
AntiAtomGruppen können den Film bei htt://www.energiestammtich.at.tt beziehen.

Nuclear Lies – Informationen http://indien.antiatom.net/nlinfos/
zum gleichnamigen Film über die indische Atomindustrie:
“18.Mai 1974: Ein friedliches Nuklearexperiment wurde in Pokhran, Rajasthan,
durchgeführt.” (Bhabha Atomforschungszentrum BARC)
Aktuell sind in Indien 20 Atomkraftwerke an 7 Standorten im Betrieb. Sie haben
insgesamt eine Nennleistung von 5.680 Megawatt. Die indische Atomindustrie
umfasst die komplette Nuklearkette, vom Uranabbau, über Anreicherung,
Brennelemente- und Bombenproduktion und Wiederaufarbeitung bis zur ZwischenEndlagerung.
Der Film “Nuclear Lies” zeigt nicht alle Atomanlagen, deckt aber die
ganze Breite der Atomindustrie ab.
Indien setzte sehr früh auf Atomkraft. Das schon in den 50er Jahren entworfene
Atomprogramm sollte in drei Stufen eine autarke Energieproduktion erreichen:
Schwerwasserreaktoren, Schnelle Brüter, Thoriumreaktoren. 1969 gingen die ersten
AKWs ans Netz.

Nach einem Atombombentest 1974 wurde gegen Indien ein Atomembargo verhängt.
2008 wurde das Embargo aufgehoben. Dem Atom-Abkommen zwischen Indien und
USA folgten ähnliche Vereinbarungen mit anderen Ländern. Die indischen
Atomanlagen wurde in einen militärischen und einen zivilen Bereich aufgeteilt. Die
zivilen AKWs wurden der Aufsicht der IAEO unterstellt. Teil der Vereinbarungen
war auch Indiens Zusage, AKWs zu importieren: Den Konzernen Areva, Rosatom,
Westinghouse und General Electric wurden Standorte für jeweils sechs Reaktoren
zugesichert.
Als erstes profitierte der französische Staatskonzern Areva. Er lieferte das dringend
benötigte Uran. Der indische Uranabbau hatte nicht mit dem zivilen und
militärischen Bedarf Schritt halten können. Die Auslastung der Atomkraftwerke
betrug 2008 wegen Uranmangels nur 50 Prozent. In den nächsten Abschnitten folgen
Informationen zu den Stationen des Filmes, dann einige Hinweise auf die
Sicherheitsbilanz der indischen Atomindustrie an anderen Orten. Abschließend
einige Sätze zur Beteiligung Deutschlands und zu unseren Handlungsmöglichkeiten.
Uran aus Jadugoda
“Konfrontiert mit Berichten über die hohe Anzahl von Menschen mit Fehlbildungen in
Dörfern um Minen der Uranium Corporation of India Ltd., sagte deren Vorsitzender:
‘Ich würde mich nicht wundern, wenn eine Menge dieser Menschen von anderswo
hergebracht wurden, ok?’ ” (Bloomberg am 23.7.2014) Jadugoda im ostindischen
Bundesstaat Jharkand liefert seit 1967 einen Großteil des einheimischen Urans.
Das in mehreren Minen abgebauten Uranerz wird in der Uranmühle Jadugoda zu
Uranerz (“Yellow Cake”) weiterverarbeitet. Aus zwei Tonnen abgebautem Erz wird
dabei etwa 1 kg Yellow Cake gewonnen.
Dabei verbleiben große Mengen schlammiger Rückstände, die in Absetzbecken
(“Tailings”) gelagert werden. Die Schlämme enthalten noch 85% der ursprünglichen
Radioaktivität. Dazu kommen andere Schadstoffe wie Schwermetalle und Arsen. In
der Trockenzeit wird der Staub der Rückstände durch die Dörfer geweht und
während des Monsunregens läuft radioaktiver Abfall in die umliegenden Bäche und
Flüsse.
Radioaktiver Abraum aus den Minen und Sand aus den Absetzbecken wurden in den
Dörfern beim Haus- und Straßenbau verwendet. Bei den häufigen Rohrbrüchen bei
den Zuleitungen zu den Absetzbecken ergießt sich der giftige Schlamm in die Felder
und Dörfer.

Entsprechend katastrophal sind die Folgen für die Bevölkerung: Krebserkrankungen,
Fehlbildungen, Unfruchtbarkeit, Fehlgeburten – durch unabhängige Studien belegt,
von der für den Uranabbau verantwortlichen staatseigenen Uranium Corporation of
India (UCIL) bestritten.
Das einheimische Uran wird für militärische Zwecke und die sieben nicht der
internationalen Kontrolle unterliegenden AKWs verwendet. Das Uran für die
anderen AKWs wird importiert, zur Zeit aus Russland, Usbekistan, Kanada und
Kasachstan.
Eine Transportroute führt von Sankt Petersburg über den Hamburger Hafen nach
Mumbai.
Weitere Informationen zu Jadugoda bei IPPNW und WISE, Studien von der
Universität Kyoto und den Indian Doctors for Peace and Development.
Bomben aus Trombay
“Die Kernaufgabe des BARC ist die Unterstützung der friedlichen Nutzung des
Atomenergie.” (Wikipedia) In Trombay, einem nordwestlichen Vorort Mumbais,
entwickelt und produziert das Bhaba-Atomforschungszentrum (BARC)
Atomsprengköpfe z.B. für die Agni-Raketensysteme.
In Trombay befinden sich mehrere Forschungsreaktoren, Anlagen zur
Urananreicherung, zur Wiederaufarbeitung und zur Brennelementproduktion.
Die Atomanlagen dienen zumindest auch militärischen Zwecken.
Forschungsreaktoren in Trombay lieferten Plutonium für die Bombentests 1974 und
1998 (Ramana 2012, s.123).
Im Hafen von Mumbai waren Radionuklide aus Trombay nachweisbar, der flüssige
Abfall aus der Wiederaufarbeitung wird ins Meer abgeleitet. Eineinhalb Kilometer
von der Atomanlage entfernt wurden um den Faktor 50 erhöhte Werte für Jod-129
gemessen (Ramana 2012, s.119, s.233). 1991 brachen Rohre in den Reaktoren CIRUS
und Dhruva und verseuchten Erde und Pflanzen (Greenpeace India). Im August
diesen Jahres beklagte ein Mitarbeiter in Trombay, sein Vorgesetzter habe
angeordnet, bei der Ableitung radioaktiven Materials die Grenzwerte zu ignorieren.
Die USA, Großbritannien, Kanada und Frankreich lieferten Technik und Knowhow für
die Atomanlagen.

1984 lieferte die Hanauer Degussa trotz Atomembargo Beryllium, das bei
Atombomben als Neutronenquelle zur Initiierung der Kettenreaktion verwendet
wird.
Todesquelle Tarapur
“Im Oktober dieses Jahres (2011) vollenden die Einheiten 1 und 2 in Tarapur 42 Jahre
ununterbrochenen Betrieb … Diese Periode beweist die Stabilität und die
Zuverlässigkeit, die bei indischen Atomkraftwerken systemimmanent sind. … Tarapur
hat sich dank seiner außerordentliche Leistung zu einem weltweiten Leitbild
entwickelt.” (Nuclear Power Corporation of India Ltd., NPCIL 2011)
In Tarapur an der Westküste Indiens, einhundert Kilometer nördlich von Mumbai,
gingen 1969 zwei Siedewasser-Reaktoren (TAPS 1 und 2) ans Netz, gebaut von
General Electric und Bechtel. 2005/6 folgten zwei indische Schwerwasserreaktoren
(TAPS 3 und 4). Zum Atomkomplex Tarapur gehören auch Anlagen zur
Wiederaufarbeitung, zur Brennelementproduktion, zur Abfallverglasung und zur
Lagerung von Atommüll.
Schon 1988 berichtete der Spiegel: “Experten nennen die Reaktoren eine
‘Todesquelle’; außer Tschernobyl seien sie ‘die am meisten verseuchten KKW der
Welt’. Bei Unfällen leckte radioaktiv hochbelastetes Wasser, Menschen kamen ums
Leben, Hunderte wurden weit überhöhten Strahlenwerten ausgesetzt.”
Von Anfang an waren TAPS 1 und 2 von zahlreiche technische Probleme geprägt:
Risse in den Rohren, Korrosion durch Meerwasser, Pumpenversagen, Lecks,
Verstrahlung des Sekundärkreislauf und dergleichen mehr. Zeitweise waren Teile der
Reaktoren so stark kontaminiert, dass fest angestellte Arbeiter bei
Wartungsarbeiten innerhalb weniger Minuten ihre Maximaldosis erreicht hätten.
Nur mit dem Einsatz schlecht informierter Leiharbeiter konnte der Betrieb aufrecht
erhalten werden (Ramana 2010). 1985 fielen Dampfgeneratoren aus (Ramana 2012,
s.51). Die Nennleistung der beiden Reaktoren wurde kurzerhand von 210 auf 150
MW reduziert. Das schönt die Leistungsstatistik. Die IAEO-Statistik zeigt dennoch,
dass TAPS 1 im Jahre 1987 fast zehn Monate ausgefallen war.
Diese Betriebsunterbrechung könnte mit dem Bruch einer Gummidichtung
zusammenhängen. Der Spiegel berichtete: “Das Reaktor-Gebäude in Tarapur wurde
mit radioaktiv verseuchtem Wasser überflutet, hundert Kubikmeter davon gelangten
durch einen Regenwasserkanal in die Umgebung.

Größere Erdflächen mussten abgetragen werden.” Fünf Jahre später wurde durch ein
Leitungsleck erneut massiv Radioaktivität freigesetzt. Der Film “High Power” (Trailer)
schildert eindrücklich die Lebenssituation der Menschen in den Dörfern um die
Atomanlagen. Viele ehemalige Fischer arbeiten nun als Leiharbeiter in den AKWs.
Im Rahmen des Atomembargos nach dem Atombombentest 1974 stellten die USA
die Lieferung von angereichertem Uran und von Ersatzteilen nach Tarapur ein. Uran
aus Frankreich, China und Russland und technische Komponenten von
Siemens/KWU ermöglichten den Weiterbetrieb der AKWs trotz Embargo.
Kalpakkam – Bäume gegen Tsunami
“In Indien gibt es keine Tsunamis.”
(Sicherheitsanalyse zu den indischen Schwerwasserreaktoren 1986, Outlook India)
Kalpakkam liegt an der Ostküste Indiens knapp 60 Kilometer südlich von Chennai.
Wer von dort über die Küstenstraße zum Aurobindo Ashram nach Puducherry fährt,
kommt durch Kalpakkam. Wer wie Millionen andere Touristen in Mamallapuram /
Mahabalipuram übernachtet, hat es nicht weit zu den Atomanlagen, gerade mal
sechs Kilometer den Strand entlang nach Süden bis zur “Madras Atomic Power
Station” (MAPS). Die beiden Schwerwasserreaktoren MAPS 1 und 2 gingen 1983 und
1985 in Betrieb.
Zu dem Atomkomplex nördlich von Kalpakkam gehören weitere Atomanlagen:
Forschungs- und Testreaktoren unter anderem für U-Boote. Der Prototyp eines
Schnellen Brüters mit 500 MW soll dieses Jahr hochgefahren werden. Dazu kommen
mehrere Wiederaufarbeitungsanlagen und Zwischenlager auch für hoch radioaktiven
Müll. Obwohl die Nennleistungen von MAPS 1 und 2 schon 1990 von 220 auf 150
MW reduziert wurden, weist die IAEO-Statistik nur durchschnittliche
Jahresleistungen von 51, bzw. 55 Prozent aus. MAPS 1 war in den Jahren 2004 und
2005 keinen Tag am Netz.
Notorisch sind Schwerwasserlecks der MAPS-Reaktoren (Banerjee 2008, s.41). 1999
liefen bis zu vierzehnTonnen schweres Wasser aus, bei den Aufräumarbeiten
erhielten die Arbeiter innerhalb weniger Stunden die zulässige Jahreshöchstdosis
von 30 Milli-Sievert. Am 21. Januar 2003 lief wegen eines defekten Ventils
in der Wiederaufarbeitungsanlage KARP hochradioaktives Wasser in einen Tank, der
für niedrig radioaktives Wasser vorgesehen war. Arbeiter erhielten eine
Strahlendosis von 420 Milli-Sievert. Mit Arbeitsniederlegungen, Dienst nach
Vorschrift und Hungerstreiks forderten die Beschäftigten danach bessere
Schutzeinrichtungen.

Der angeblich schwerste Strahlenunfall in der Geschichte der indischen
Atomindustrie wurde erst durch die Aktionen der Beschäftigten öffentlich. (EPW
2010, OUCIP 2013) Der Tsunami 2004 traf auch die Atomanlagen in Kalpakkam. Ein
MAPS-Reaktor war bereits abgeschaltet, der andere wurde automatisch
heruntergefahren, als das Pumpengebäude geflutet wurde. Die Baugrube
für den Prototyp-Schnellen-Brüter wurde überschwemmt, eine Arbeiterin starb dort.
Dreißig weitere Beschäftigte starben in der Siedlung, die von den
Atomgesellschaften nah am Meer errichtet worden war. Offizielle Stellen bestätigen,
dass Tsunamis bei der Konstruktion der AKWs nicht berücksichtigt worden
waren und beruhigen: Der neue Schnelle Brüter sei auf einen Wasserstand von 6,45
Metern über dem durchschnittlichen Meeresspiegel ausgelegt, beim Tsunami 2004
sei dieser nur um 4,71 Meter überschritten worden. Es seien auch spezielle Bäume
gepflanzt worden, die die Auswirkungen eines Tsunami abschwächen könnten.
Kudankulam – neu und doch schon marode
“Die Leute mögen heute über Tsunamis reden, durch unsere Sicherheitsexperten
wurden diese aber bereits Mitte der siebziger Jahre vorausgesehenen. Sie bestanden
darauf, dass verschiedene Sicherheitskomponenten so hoch installiert wurden, dass
Tsunamis ihnen nichts anhaben könnten. Diese Komponenten bestanden dann ja
auch gut den Test während des Tsunami 2004 in Kalpakkam.”
(Sicherheit des AKW Kudankulam, Expertenbericht der indischen Regierung,
Dezember 2011) Schaut man am östlichen Strand Kanyakumaris an der Südspitze
Indiens Richtung Norden, erkennt man bei klarem Wetter die Umrisse von zwei
Reaktorkuppeln: das AKW Kudankulam mit zwei Druckwasserreaktoren von
Rosatom. Der erste Block ging im Oktober 2013 in den Probebetrieb. Nach vielen
Notabschaltungen und Terminverschiebungen wurde am 31.12.2014 der
kommerzielle Betrieb erklärt. Zwei Wochen später musste der Reaktor zum ersten
Mal in diesem Jahr heruntergefahren werden, Mitte Mai zum zweiten Mal. Seither
brachte der Reaktor nur noch sechzig Prozent seiner Nennleistung. Ende Juni begann
die Jahresinspektion. Es gibt Probleme. Frühestens Ende September soll die
“Inspektion” abgeschlossen werden.
Die Inbetriebnahme des zweiten Reaktors verzögert sich Monat um Monat. Dennoch
soll im Frühjahr 2016 mit dem Bau von zwei weiteren Blöcken begonnen werden.
Beim Tsunami 2004 starben auch Menschen in der Nähe Kudankulams.
Einrichtungen der AKW-Baustelle wurden überflutet. Nur wenige Hundert Meter
vom AKW-Gelände entfernt wurde eine Siedlung für Opfer des Tsunami errichtet.
Und nach Fukushima versicherten Regierungsexperten im oben zitierten Bericht:

“Anders als in Fukushima ist das gleichzeitige Auftreten von Tsunamis und Erdbeben
in Kudankulam nicht möglich.“
Während des Baus des AKWs starben Arbeiter durch Stromschläge. Bei einem Unfall
im Mai 2014 wurden Beschäftigte verbrüht und erlitten schwerste
Brandverletzungen. In den AKWs wurden Komponenten, aus minderwertigem Stahl
verbaut, Kabel wurden nicht fachgerecht verlegt, der Reaktorkessel wurde mit
fehleranfälligen Schweißnähten geliefert.
Der massive Widerstand der Bevölkerung wurde mit brutaler Staatsgewalt
niedergeschlagen. Die Anti-Atom-Bewegung beklagt vier Todesopfer. Todesursachen
sind Polizeischüsse, niedrig fliegende Flugzeuge der Küstenwache und die
Verweigerung angemessener medizinischer Versorgung während der Haft. Die AntiAKW-Bewegung wurde mit einer beispiellosen Kriminalisierungswelle überzogen.
Die Verfahren ruhten jahrelang, im August diesen Jahres wurden die ersten
Verfahren gegen mehr als 100 Atom-GegnerInnen eröffnet.
In Jaitapur das größte AKW der Welt?
“Niemand sollte sagen, dies sei ein unerprobter und ungetesteter Reaktor. Er wurde
mehr als 25 Jahre lang erprobt und getestet … Daher stimme ich überhaupt nicht zu,
dass dies eine unerprobte Technologie sei, genau das Gegenteil ist der Fall. Viele
Reaktoren diesen Typs wurden gebaut und sie werden in Frankreich sicher und
effizient betrieben.” (Bernard Bigot, damals Vorsitzender der französischen
Atomenergiekommission, in einem in Indien ausgestrahlten Fernseh-Interview über
den EPR)
In Jaitapur an der Westküste Indiens, etwa 100 km nördlich von GOA und gut 250 km
südlich von Mumbai, soll das größte AKW der Welt gebaut werden. Sechs EPRReaktoren von Areva mit jeweils einer Nennleistung von 1.650 MW. “EPR” steht mal für European Pressurized Reactor, mal für Evolutionary Power Reactor, mal für
nichts. Nirgendwo wurde ein EPR fertiggestellt oder gar in Betrieb genommen. In
Frankreich, Finnland und China gibt es EPR-Baustellen. Die EPR-Projekte wurden
durch Kostenexplosionen, Terminverschiebungen und Qualitätsmängel berüchtigt.
Gegen die AKW-Pläne wehrt sich die lokale Bevölkerung. Landbesitzer verweigerten
jahrelang die Annahme der Kompensationszahlungen für das enteignete Bauland.
Fischer fürchten um ihre Existenz – das Kühlwasser aus den AKWs wird das Meer
erwärmen. Jaitapur liegt in einem Erdbebengebiet. Auch in Jaitapur reagierte der
Staat mit Gewalt auf den Protest:
Am 18.April 2011 wurde der junge Fischer Tabrej Sayekar bei einer Demonstration
erschossen. Der französische Staatskonzern Areva sollte die EPRs nach Jaitapur
liefern. Zu mehr als Absichtserklärungen und technischen Vorprojekten hat es bisher
nicht gereicht, über den Preis konnte keine Einigkeit erzielt werden. Inzwischen muss
Areva auf Geheiß der französischen Regierung seine AKW-Sparte an EdF (Électricité
de France) abgeben. Die Übernahmeverhandlungen laufen noch. Was dies für
Jaitapur bedeutet ist derzeit unklar.
… und anderswo alles sicher?
“Die Sicherheitsbilanz der indischen Atomkraftwerke ist makellos – ohne jeglichen
Vorfall, bei dem die Allgemeinheit signifikanter Radioaktivität ausgesetzt worden
wäre.” (Indian Nuclear Society)
Wer glaubt, für den Film Nuclear Lies seien die übelsten Standorte ausgewählt
worden, täuscht sich. An allen AKW-Standorten kam es schon mehrfach zu
ernsthaften Unfällen. Hier einige Beispiele: In der Rajasthan Atomic Power Station
(RAPS) werden sechs Schwerwasserreaktoren betrieben und zwei gebaut. 1995
flossen radioaktives Helium und Schweres Wasser in den Rana Pratap Sagar Fluss.
Die Reparaturarbeiten dauerten mehrere Jahre. 2004 entwichen durch ein Leck
große Mengen Tritium in die Atmosphäre. RAPS 1 lieferte laut IAEO-Statistik seither
keinen Strom mehr, offiziell ist dieser Reaktor noch in Betrieb.
In Narora Atomic Power Station (NAPS) kam es 1993 zum wohl gefährlichsten Vorfall
in der Geschichte der indischen Atomindustrie. Die Kraftwerksbetreiber hatten
Hinweise auf Konstruktionsfehler bei der Turbine in den Wind geschlagen. Am
31.März brachen dann zwei Turbinenflügel. Ausgelaufenes Öl geriet in Brand, ein
Kabelbrand setzte die gesamte Elektrik außer Kraft. Wegen der Rauchentwicklung
musste der Kontrollraum verlassen werden. Im Ersatzkontrollraum funktionierte
wegen des Stromausfalls nichts. Das Abschaltsystem des Reaktors wurde manuell in
Gang gesetzt, Ventile wurden geöffnet, um Borflüssigkeit in den Reaktorkern zu
schütten. Erst nach 17 Stunden war wieder Strom verfügbar.
In den Jahren 2000, 2001 und 2003 entwichen durch Lecks jeweils mehrere Tonnen
Schweres Wasser. Arbeiter wurden verstrahlt. 1994 drang Wasser in die Kakrapar
Atomic Power Station (KAPS). Der Kontrollraum war nur schwimmend zu erreichen.
Zur Katastrophe kam es lediglich deshalb nicht, weil das AKW heruntergefahren war.
Der Vorfall kam erst an die Öffentlichkeit, als der Gewerkschafter Manoj Mishra
“unautorisiert” mit der Presse sprach. Manoj Mishra wurde deshalb entlassen.

Im gleichen Jahr stürzte im AKW Kaiga die Reaktorkuppel ein. 150 Tonnen Beton
fielen herab, 14 Arbeiter wurden verletzt. Das AKW war noch nicht in Betrieb, an der
Verkabelung wurde noch gearbeitet. Im gleichen AKW wurde im Jahr 2009 bei 55
Arbeitern Tritium im Urin festgestellt. Der damalige Premierminister Singh
versicherte schnell “Kein Grund zur Sorge. Ein kleiner Fall von Kontamination, kein
Leck. Alle Systeme unter Kontrolle. Eine Untersuchung ist angeordnet.” Die Arbeiter
seien sicher, es gäbe kein Leck, eine kleinere Strahlenexposition versicherte auch die
NPCIL. Später war dann von Sabotage die Rede, Tritium sei in den Trinkwasserkühler
geschüttet worden. In Nuclear Fuels Complex in Hyderabad wird unter anderem das
Uran aus Jadugoda verarbeitet. Die Behörden warnen davor, das Grundwasser in der
Nähe der Atomfabrik zu trinken.
Atomausstieg auf deutsch
“In Fukushima haben wir zur Kenntnis nehmen müssen, dass selbst in einem
Hochtechnologieland wie Japan die Risiken der Kernenergie nicht sicher beherrscht
werden können. Wer das erkennt, muss die notwendigen Konsequenzen ziehen.”
(Regierungserklärung Merkels im Juni 2011) Der Atomausstieg der deutschen
Allparteien-Koalition ist eine Lüge. Die Urananreicherungsanlage in Gronau hat eine
unbefristete Betriebserlaubnis, ebenso Arevas Brennelementefabrik in Lingen. Die
Atomforschung wird weiter gefördert. Der Export von Atomtechnologie kann
weiterhin durch Hermesbürgschaften abgesichert werden. Zahlreiche kleine und
große Unternehmen in Deutschland beteiligen sich als Zulieferer am AKW-Bau in
aller Welt.
Der Hambuger Hafen ist eine Drehscheibe für internationale Atomtransporte.
Radioaktive Transporte auf Straßen und Schienen bleiben geheim. Die Beschäftigten
bei Areva in Offenbach hoffen auf eine Übernahme durch EdF, um so doch noch die
AKWs in Jaitapur mitbauen zu können. Bei Areva Erlangen werden Leit-und
Sicherheitssysteme für Atomkraftwerke entwickelt und gewartet. Alle mit
Kudankulam baugleichen Reaktoren der Rosatom nutzen diese Systeme. Auch
Siemens liefert weiterhin Komponenten für AKWs, auch nach Kudankulam.
Die Kaefer Group, in Kiel als Rüstungsfirma geoutet, lieferte nach eigenen Angaben
Isolierungen nach Kudankulam. Die Hunger KG aus Lohr am Main exportierte trotz
des Embargos Ersatzteile für indische Atomkraftwerke. Im November 1997 wurde
der mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnete Walter Hunger rechtskräftig
verurteilt, weil er Dichtungen an die Kakrapar Atomic Power Station in Indien
geliefert hatte.

Über eine indische Tochterfirma beliefert die Hunger KG auch heute noch die NPCIL.
Für Westinghouse Nuclear arbeiten in Mannheim einige Hundert Menschen.
Westinghouse will im indischen Mithi Virdi Atomkraftwerke bauen. Westinghouse
liefert auch Brennelemente an deutsche AKWs. Die Frankenthaler Klein, Schanzlin &
Becker AG (KSB) hat über ihre indische Tochterfirma Pumpen für fast alle indischen
Atomkraftwerke geliefert. Bereits 1977 hatten die Revolutionären Zellen mit einer
Aktion auf diesen Atomprofiteur aufmerksam gemacht, “der ganz im Stillen, aber
dort im großen Rahmen wirkt.”
Was können wir tun?
Die besten Ideen habt ihr sicherlich selbst. Hier nur einige Anregungen:
Information ist das erste. Die Zeitschrift AntiAtomAktuell berichtet regelmäßig über
die Anti-Atom-Bewegung in Indien. Im Web sind dianuke.org (englisch) und
indien.antiatom.net gute Ausgangspunkte.
Per Mail an indien@antiatom.net kann ein kostenloser Newsletter bestellt werden.
Eigene Recherche kann manche Überraschung zu Tage fördern. Was machen die
Firmen in meiner Gegend eigentlich genau? Atomprofiteure freuen sich, wenn wir
ihr schmutziges Geschäft öffentlich machen.
Die meisten Indienreisenden wissen mehr über Ashrams und Gurus als über die
Atomindustrie. Wir können versuchen, zu erklären, warum ein Geigerzähler im
Reisegepäck nicht fehlen sollte. Wir können uns transnational vernetzen. Postkarten
an die Widerstandsbewegung gegen das AKW-Kudankulam können ein Anfang sein.
Partnerschaften zwischen Gruppen in Deutschland und Indien wären das Ziel.
Bei einigen unserer Aktionen gegen Urantransporte und Atomfirmen gibt es
womöglich eine Verbindung zu Indien. Dianuke veröffentlicht gerne
englischsprachige Berichte. Indische Botschaft und Konsulate reagieren sehr
empfindlich, wenn wir dort für die Rechte der indischen Anti-Atom-Bewegungen und
gegen Repression demonstrieren.
Übersichten zur indischen Atomindustrie:
http://de.atomkraftwerkeplag.wikia.com/wiki/Indien
http://www.world-nuclear.org/info/Country-Profiles/Countries-G-N/India/
Literatur: [Banerjee 2008] B.Banerjee, N.Sarma; Nuclear Power in India; New Delhi
2008 [Ramana 2012] M.V. Ramana; The Power of Promise; Viking 2012

Anmerkung: Im Gegenzug ist angedacht, dass der Film
„Unser gemeinsamer Widerstand“ in Indien gezeigt wird.
Newsletter zu den Anti-Atom-Bewegungen in Indien:m
http://indien.antiatom.net/wpcontent/uploads/2013/06/NewsletterAntiAtomI...
Vorführorte und Termine:
http://indien.antiatom.net/nuclear-lies-rundreise-mit-praved-krishnapilla/

Eine Anmerkung von uns:
“Indien begann noch im selben Jahr, als die Engländer die Staatsmacht
einvernehmlich an die ihr gegenüber “devoter” auftretende gemäßigte GandhiBewegung übergaben, 1947 sofort mit dem Atomprogramm und dem klaren Ziel zur Atombombe. Ihre erste Atombombe zündete Indien 1974 unter dem Codenamen
“Buddha tickt”. Indien plant gegenwärtig das größte Atomkraftwerk der Welt. Wenn
Gandhis „dogmatisch gewaltfreier“ Widerstand tatsächlich von Motiven beseelt
gewesen wäre, die nach einer besseren Welt strebt, dann hätte nicht ein so ganz und
gar profaner „gewaltsamer“ Atom-Staat dabei herauskommen können, wie der
indische Staat, der allen anderen Gewaltmonopolen als Übel in nichts nachsteht.”
Und hier noch historische Hintergründe über Staats-Macht-Streben, Widerstand
und Geschichtsklitterung in der politischen Auseinandersetzung am Beispiel
Gandhis. Der Mythos Gandhi – die Entzauberung eines Symbols:
http://www.sozialismus.net/zeitung/mr15/ghandi.html
In unserem Film-Reise-Bericht anlässlich der Veranstaltung vom 17. Oktober 2014 in
71638 Ludwigsburg dokumentieren wir die komplette Geschichte über Gandhi, von
dem sein Sekretär sagte:
„Nirgends haben sich westliche Autoren in Gandhi gründlicher getäuscht als darin, dass sie bei
ihm einen unersättlichen und durch nichts zu befriedigenden Machthunger übersehen haben.
Um seinen Machthunger zu befriedigen, ging Gandhi buchstäblich über Leichen. Nur brauchte er
nicht selbst zu töten, denn er konnte sich seiner Gegner genauso gut mit Hilfe seiner „gewaltlosen“
Vaishnava-Methode entledigen.“
Auf Wunsch mailen wir diese Dokumentation kostenlos als pdf.
Der Anspruch von dogmatischer Gewalt(un)freiheit für ein Machtstreben nach dem
staatlichen Gewaltmonopol ist eine verhängnisvolle Geschichtslüge unserer Zeit.

  • So viele waren schon hier (seit Juni 2008) 458228