Centro Sociale

Infoveranstaltung zu Atenco/Mexico mit Ignacio del Valle und anschließendem Konzert LA RESISTENCIA D'MEXICO

29.05.2013 (Mittwoch) 19:00
Saal

Mit Macheten, roten Halstüchern und Unnachgiebigkeit – Erfolgreicher Widerstand und Repression in Atenco/Mexiko 
Europarundreise des Aktivisten Ignacio del Valle und der Band La Resistencia D’ México

Atenco – der Name dieses mexikanischen Kleinstadt steht heute in Mexiko
zusammen mit Orten wie Tlatelolco, Acteal oder Ciudad Juárez für
Staatsverbrechen, Folter, Repression und Straflosigkeit. Doch zugleich ist Atenco
zu einem Symbol von unbeugsamen Widerstand und Solidarität geworden. Dafür
stehen die Machete und das rote Halstuch, die seitdem den Kampf der
Bewohner_innen von Atenco symbolisieren, und der Familienname del Valle.
Ignacio del Valle, besser bekannt als „Nacho“, ist Siebdrucker, Fleischer, Friseur,
arbeitete als Industriearbeiter und Sportlehrer und ist nebenbei der „vielleicht
berühmteste Bauer seit Zapata“ in Mexiko. Außergewöhnliche Umstände haben
gewöhnliche Menschen wie Nacho, seine Frau Trinidad und ihre Tochter América
wie so viele andere Bewohner Atencos außergewöhnlichen Taten vollbringen
lassen. Atenco, ein kleine Stadt mit etwa 17.000-Einwohner_innen 35 km von
Mexiko-Stadt entfernt, muss sich seit Jahrzehnten gegen die Gier, die
ungezügelte Expansion oder das Vergessen der großen Metropole erwehren.
Ignacio del Valle wuchs in einem Atenco auf, in dem sich die Bewohner_innen der
Notwendigkeit von Einheit und Organisation bewusst waren, wollten sie ihr Recht
auf Grundversorgung wie etwa Zugang zu fließendem Wasser, Strom oder eine
Bibliothek vom mexikanischen Staat einfordern, ihre Gemeindeautonomie
verteidigen oder schlichtweg auf ihre Lebensweise als Bäuer_innen beharren.
Auch wenn der Gemeindepräsident im 20. Jahrhundert traditionell der
Regierungspartei angehörte, bestimmte die Bewohner_innen wichtige Ämter, wie
die des Vorstehers des Gemeindelandes oder kommunalen Wasserrates selbst
und war an zahlreichen politischen Organisationen in der Region beteiligt. Nacho
del Valle hatte sich dabei als unkorrumpierbarer Sprecher der Menschen von
Atenco bewährt und genoss hohes Ansehen in der Bevölkerung Atencos.
Im Oktober 2001 unterschrieb der mexikanische Präsident Vicente Fox ein
Regierungsdekret zur Enteignung von 5.400 Hektar Gemeindeland. Das
betroffene Land gehörte zu Atenco und einigen Nachbargemeinden im Bezirk
Texcoco und sollte dem Bau eines neuen Großflughafens für Mexiko-Stadt
dienen. Die lokale Bevölkerung wurde bei dieser Entscheidung nicht einbezogen
und der angebotene Entschädigungspreis spottete dem realen und ideellen Wert,
den das Land für die Bevölkerung in Atenco hat, und die sich beharrlich weigert,
ihre Existenz als Bäuer_innen aufzugeben.
Das war der Beginn einer unmöglichen Widerstandsbewegung, die Politik, Kapital
und Medien gegen sich wusste. Gemäß den Anforderungen der neoliberalen
Ideologie, die die Wünsche des globalen Kapitals über alle anderen Interessen
stellt, sollte Atenco ein Opfer im „nationalen Interesse“ aufbringen. Von Beginn
an waren sich die Gegner des Großprojektes ihrer isolierten Lage bewusst, doch
mit ihrer militanten Unnachgiebigkeit trotzten sie dem mexikanischen Staat. Sie
organisierten sich in der „Frente de Pueblos en Defensa de la Tierra“ (FPDT oder
„Vereinigung der Dörfer in Verteidigung der Erde“) und überzogen den
mexikanischen Staat sowohl mit juristischen Klagen als auch mit
Protestmärschen und anderen Aktionen, bei denen sie ihre Erkennungszeichen,
rote Halstücher und ihr Arbeitswerkzeug, ihre Macheten, mit sich trugen. In ihrem
Protest stellten sie das „nationale Interesse“ an einem elitären und privaten
Großprojekt in Frage, an dem reiche Investor_innen sich nur weiter bereichern
würden, und warfen damit die Diskussion einer wünschenswerten Entwicklung für
die mexikanische Mehrheitsgesellschaft erneut auf.
Im Juli 2002 nahmen die Aktivist_innen der FPDT mehrere Politiker und private
Unternehmer einige Tage als Geisel, da diese ungenehmigt eine Bodeninspektion
in Atenco vornahmen. Als Reaktion griff die Regierung einen Protestmarsch der
FPDT an und verhaftete einige ihrer Anführer_innen. Daraufhin entführten diese
wiederum Staatsangestellte aus Texcoco, blockierten die Autobahn nach MexikoStadt und drohten zwei Tanklaster anzuzünden. Nach zähen Verhandlungen kam
es zu einem Gefangenenaustausch und am 1. August 2002 gab die Regierung
Fox schließlich bekannt, auf das Großprojekt zu verzichten, da der politische Preis
mittlerweile zu hoch erschien.
Doch damit hatte die Regierung das Problem der rebellischen Bäuer_innen der
FPDT nicht beseitigt. 2003 verhinderte die FPDT die offiziellen Wahlen in Atenco
und erklärte sich zur autonomen Gemeinde. Außerdem tauchten die „Atencos“
mit ihren Macheten fortan bei vielen anderen Protesten auf und begannen ein
Netz von Kontakten zu knüpfen, indem sie andere Gruppen in ganz Mexiko in
ihren Kämpfe unterstützten. Für andere Oppositionsgruppen verkörperten sie ein
Beispiel erfolgreichen Widerstands. Für die Regierung jedoch wurden sie zum
Feindbild.
Im Mai 2006 kam für die Mächtigen der Augenblick der Rache. Während die
Zapatistas, vertreten durch Subcomandante Marcos, mit ihrer „Anderen
Kampagne“ die offizielle Agenda des Präsidentschaftswahlkampfes störten und
sich in Mexiko-Stadt befanden, nutzte Präsident Fox und Enrique Peña Nieto,
heute mexikanischer Präsident und damals Gouverneur des Bundesstaates
Mexiko, einen Konflikt zwischen der Polizei und lokalen Blumenhändler_innen in
der Nähe von Atenco zur Eskalation. Die organisierten Bewohner_innen von
Atenco, die den Händler_innen zur Hilfe eilten, gelang es, die Polizei zu
vertreiben, erneut die nahe Bundesstraße zu blockieren und die Blockade gegen
Polizeiangriffe zu verteidigen. Erst der von Peña Nieto befohlene Angriff von über
3.000 schwer bewaffnete Bundespolizisten brach den Widerstand. Diese gingen
bei der Erstürmung von Atenco mit äußerster Brutalität vor: Unter den
Aktivist_innen kam zu zwei Toten, dutzende Schwerverletzen und über 200
Festnahmen, viele davon willkürlich. Die Festgenommenen waren schweren
Menschenrechtsverletzungen ausgesetzt. Sie wurden gefoltert, mehrere
weibliche Gefangene wurden vergewaltigt. Dieser Gewaltakt galt nicht nur
Atenco, sondern sollte zugleich die Grenzen der zapatistischen „Anderen
Kampagne“ und ihrem Programm der Vernetzung und Solidarität „von Unten“
aufzeigen. Für die widerständigen Bewegungen in Mexiko sollte ein Fanal gesetzt
werden, dass sich Widerstand eben doch nicht lohnt.
Für Nacho, seine Familie und für ganz Atenco folgte nun ein langer Leidensweg.
Nacho wird in einem Schauprozess gegen ihn und elf andere Aktivist_innen zu
112 Jahren Haft in einem Hochsicherheitsgefängnis verurteilt. Dort sitzt er neben
Drogenbossen, in Ungnade gefallenen Politikern und Guerilleros ein. Nacho wird
permanentem Kunstlicht und der physischen Gewalt der Wärter ausgesetzt, seine
persönlichen Gegenstände werden täglich durchsucht und zerstört, Telefonanrufe
werden ihm verboten oder unterbrochen. Während er im Gefängnis sitzt, sterben
sein Bruder und sein Vater, ohne dass er die Möglichkeit bekommt, sich zu
verabschieden. Zugleich wird nach seiner Tochter América gefahndet, so dass sie
gezwungen ist unterzutauchen, um der Verhaftung zu entgehen. Ignacio del Valle
ist von seiner Familie und der Bewegung isoliert, er altert und nimmt 16 Kilo ab,
aber, so Nacho, „was ich nie verlor, war die Hoffnung“. Er schwört sich seinen
Peinigern nicht zu beugen, hält sich mit Atem- und Gymnastikübungen fit, sucht
den Kontakt zu den Mitgefangenen, tritt mit einigen von ihnen in den
Hungerstreik gegen die schlechte Behandlung ihrer Familienangehörigen bei
Gefängnisbesuchen und schreibt Grußbotschaften an zahlreiche andere soziale
Bewegungen. Seine Frau „Trini“ übernimmt währenddessen Nachos Platz in der
Bewegung und kämpft zugleich für ihre Familie, die Freilassung der 12
politischen Gefangenen und den Fortbestand der FPDT und setzt sich für die
Vernetzung mit zahlreichen anderen Widerständen ein.
Direkt nach der brutalen Repression 2006 erfährt Atenco breite Solidarität
sozialer Bewegungen in Mexiko und weltweit. Unter anderem beginnt eine breite
internationale Kampagne für die Freilassung der politischen Gefangenen um
Nacho del Valle, der sich auch elf Friedensnobelpreisträger_innen anschließen.
Und erneut gelingt der Bewegung und ihren Verbündeten ein nicht für möglich
gehaltener Erfolg: Nach vier Jahren und zwei Monaten Haft wird Nacho und die elf
anderen Gefangenen im Juli 2010 durch den Obersten Gerichtshof Mexikos
freigesprochen. Dieser war zu dem Schluss kommt, die damals vorgelegten
Beweise seien dürftig und widersprüchlich und das Ganze sehe nach dem
Versuch der Kriminalisierung sozialen Protests aus. Noch am Gefängnisausgang
tauscht Nacho die Häftlingskleidung gegen ein rotes Halstuch und eine Machete
ein.
Trotz dieses erneuten Erfolges der Bewegung und der internationalen Solidarität,
bleibt noch einiges zu tun: Die meisten Verantwortlichen für den brutalen
Polizeiangriff wurden bisher nicht zur Rechenschaft gezogen. Nur einige beteiligte
Polizeibeamte erhielten geringe Strafen. Zurzeit läuft ein neues Verfahren, das
die von der Polizei vergewaltigten Frauen vor dem Interamerikanischen
Menschenrechtsgerichtshof gegen den mexikanischen Staat angestrengt haben.
Dennoch holt die Verantwortlichen die brutale Repression in Atenco immer
wieder ein: Als im Frühjahr 2012 Studierende gegen ein Wahlkampfveranstaltung
von Enrique Peña Nieto an der Universidad Iberoamericana in Mexiko-Stadt
protestierten riefen sie „Mörder“ und „Atenco“. Damit traten sie die mexikoweite
studentisch geprägte Protestbewegung Yo soy #132 los, die sich für mehr
gesellschaftliche Demokratie und gegen die korrupte Politikelite sowie das
Meinungsmonopol in den kommerziellen Medien engagierten. Auch wenn Peña
Nieto die Präsidentschaftswahl anschließend trotzdem gewann, das Image des
aalglatten Medienlieblings war durch die Erinnerung an seine Verantwortung für
Atenco beschädigt und er war mehrfach gezwungen, sich öffentlich zu
rechtfertigen.
Die Gewalt, Verfolgung und die Haft zentraler Aktivist_innen haben die Bewegung
von Atenco jedoch stark gezeichnet, sie aber nicht gebrochen. Heute ist die
Bevölkerung in Atenco gespalten und eine von staatlicher Seite voran getriebene
geräuschlosere Privatisierung des Landes von Atenco droht die einstige
Verhinderung des Flughafenprojektes zu Nichte zu machen. Daher versuchen
Nacho und die FPDT nun erneut in die Offensive zu gehen. Heute setzen sie sich
mit zahlreichen anderen Oppositionsbewegungen, darunter den Zapatistas, für
eine radikale Veränderung Mexikos ein und suchen verstärkt auch den Kontakt zu
gesellschaftlichen Kämpfen und Aktivist_innen auf der ganzen Welt.
Dies ist auch das Ziel der Rundreise von Ignacio de Valle, die ihn von Mai bis Juli
in verschiedene Länder Europas und bis nach Kurdistan bringen wird. Begleitet
wird er von der Latino-Ska-Punk-Band La Resistencia D’ México, die seit 20 Jahren
mit ihrer Musik soziale Kämpfe in Mexiko begleitet
(http://www.myspace.com/laresistenciademexico ). Ihre Reise steht im Zeichen
des gegenseitigen Austauschs und des Verknüpfens von vielfältigen politischen
und künstlerischen Widerstandsformen. Daher wollen sie Kollektive, Gruppen,
Projekte sowie Aktionen, konkrete Kämpfe und gesellschaftliche Alternativen
kennen lernen.
Begleitet werden sie von einem Filmteam, das eine Doku über diese Kämpfe und
Widerstände dreht. Diese wird im August auf den Feierlichkeiten zum 10jährigen
Bestehen der zapatistischen Räte der Guten Regierung Premiere feiern. In
Deutschland werden sie zwischen dem 24. Mai und dem 1. Juni sein und an
verschiedenen Demos sowie an Blockupy Frankfurt teilnehmen (genaue Termine
siehe unten). Sie alle freuen sich darauf, überall in Austausch mit Aktivist_innen
und ihren Kämpfen zu kommen – seid dabei!
Heiko Kiser und ¡Alerta! - Lateinamerika Gruppe Düsseldorf

Die Veranstaltung wird organisiert vom Kaffeekollektiv Aroma Zapatista, pbi-Regionalgruppe Hamburg, Amnesty International Mexiko- und Zentralamerika-Kogruppe in Zusammenarbeit mit dem Verein Freundinnen und Freunde des Centro Sociale e.V.

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Mehr Infos zum Kampf der Gemeinde Atenco in der Kurzdoku “La Herida Se
Mantiene Abierta / The Wound Remains Open” (Spanisch mit englischen
Untertiteln): http://www.youtube.com/watch?v=aM3jDdGBc4g
Website der FPDT (in Spanisch): http://atencofpdt.blogspot.de
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Termine Rundreise Ignacio de Valle und La Resistencia D’ México
24. Mai: Düsseldorf (Vortrag und Austauschtreffen)
25. Mai: Solingen/Wuppertal (Teilnahme an der Demo zum 20. Jahrestag des
rassistischen Brandanschlags in Solingen und abends Konzert in Wuppertal)
26. Mai: Frankfurt (Veranstaltung und Konzert)
27. Mai: Frankfurt (Teilnahme an der Demo gegen den Flughafenausbau,
Austauschtreffen)
28. Mai: Hamburg (Aktivitäten und Austausch rund um das Thema „Recht auf
Stadt“)
29. Mai: Hamburg (Veranstaltung und Konzert)
30. Mai: Blockupy Frankfurt
31. Mai: Blockupy Frankfurt
1. Juni: Blockupy Frankfurt
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Weitere Bilder (ggf. Bildrechte beachten):
http://debatemx.files.wordpress.com/2012/05/atenco.jpg?w=177&h=236
http://sipaz.files.wordpress.com/2010/05/atenco.jpg
http://news.bbc.co.uk/nol/shared/spl/hi/pop_ups/06/americas_mexican_muti...
g/1.jpg
http://www.narconews.com/images/cuerna_atenco_arrive.jpg
http://www.cimacnoticias.com.mx/sites/default/files/atenco03cesarmartine...
http://img.informador.com.mx/biblioteca/imagen/370x277/422/421019.jpg
http://www.artemusicavideo.com.mx/Proyectos_Terminados/images/Atenco.jpg
http://www.cronica.com.mx/oimagenes11/1/5cf0fadfa2.jpg
http://www.narconews.com/images/atenco1_quetzal.jpg
http://www.agenciasubversiones.org/foto/wp-content/uploads/2012/07/6.jpg

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