Centro Sociale

Indymedia Veranstaltung: Analyse, aktuelle Situation und Ausblick

28.11.2012 (Mittwoch) 19:00
Saal
Zehn Jahre Indymedia sind genug - Kommt der Neuanfang oder die Abschaltung? Bekannt wurde Indymedia mit den Protesten gegen das WTO-Treffen in Seattle im November 1999. Damals berichteten zum ersten Mal nicht nur die etablierten Medien, sondern die AktivistInnen konnten ihre Sicht auf die Ereignisse im Internet verbreiten und so ihre Erfolge definieren. Zumindest die an den Protesten Interessierten erhielten so eine umfangreiche Berichterstattung vom Ort des Geschehens. Ohne die bei "herkömmlichen" Medien aus verschiedenen Gründen üblichen Verkürzungen, einseitigen Betrachtungen oder sogar Lügen. Alternative Medienarbeit gab es natürlich schon vor Indymedia. Aber den Exkurs auf Arbeiterzeitungen, die APO, Interim, Zeck und Radikal sowie die Zapatisten klammern wir hier erstmal aus. Im Jahr 2000 begannen in Deutschland begannen die ersten Gruppen Überlegungen zu einem lokalen Independent Media Center (IMC) anzustellen. Auf einem Treffen in der Roten Flora in Hamburg mit bereits bestehenden Medienprojekten wurde überlegt, ob Indymedia eine unnötige Konkurrenz oder ein sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden Projekten darstelle. Die Antwort viel eindeutig aus und kurz vor dem Castor-Transport im März 2001 ging de.indymedia.org online. Während des Transports ächzten die Server unter damals unglaublichen über eine halbe Million Zugriffen am Tag. Über Terminals in den Camps und anderen Widerstandsorten berichteten AktivistInnen von ihren Aktionen. Aber Indymedia diente nicht nur zur Berichterstattung, sondern auch zur Vorbereitung von Aktionen. Durch den Live-Ticker, der zuverlässig über den Standort des Castor-Zuges berichtete, wussten die AktivistInnen von Robin Wood genau, wann der richtige Moment war, um sich im Gleisbett anzuketten. Damit schafften sie es den Transport um einen Tag zu verlängern und sorgten mit dem zurückfahrenden Zug für sehr symbolische Bilder. <h3>Indymedia und der technische Fortschritt<h3> In den ersten Jahren war de.indymedia.org ein Novum und technisch auf der Höhe der Zeit und für viele politisch Aktive ein schneller und einfacher Weg sich im Internet zu präsentieren. Sowohl das Layout als auch die Technik hinter de.indymedia.org sind seit zu vielen Jahren unverändert. Ein Beispiel: Einen Ticker bei de.indymedia.org einzurichten und mit Inhalten zu füttern ist für nicht direkt mit dem Projekt verbundene Gruppen und Personen mit großem Aufwand verbunden. Ein Konto bei Twitter oder identi.ca, um die weniger bekannte Open-Source-Alternative zu nennen, ist heute in wenigen Minuten eingerichtet und lässt sich wunderbar als Ticker verwenden, der sogar über mobile Geräte unkompliziert abgerufen werden kann. Welches CMS, welche Layout und welche Plugins die besten sind, müssen die Leute überlegen, die de.indymedia.org wieder beleben. Sie müssen aber auf jeden Fall den technischen Fortschritt beachten - zumindest in einem gewissen Rahmen. Der technische Fortschritt hilft auch sozialen Bewegungen sich zu organisieren, ihre Inhalte zu verbreiten und Aktionen durchzuführen - wobei der Umgang mit dem Internet bewusst erfolgen und verantwortungsvoll sein muss. Eigene Plattformen sind hier unerlässlich, denn so schön die Ideen von kleinen, sympathischen Start-Ups auch sein mögen, sollte sie erfolgreich sein, wollen auch sie nur ihren Teil von der kapitalistischen Verwertungskette abhaben. Im Zweifel arbeiten sie auch mit Repressionsorganen, die wiederum ihren ganz eigenen Zugriff auf die moderne Technik haben, bei der Verfolgung politisch Bewegter zusammen. Dabei sollte aber auch jedem klar sein, dass es eine vollständige Anonymität im Internet nicht gibt. Mit viel Aufwand lässt sich eine Identität zwar halbwegs verschleiern, aber wer so einen riesigen Aufwand betreiben muss, sollte sich überlegen, ob das Internet für ihn oder sie an dieser Stelle der richtige Ort ist. Die Verbreitung von mobilen Geräten mit Internetzugang wie Smartphones und Tablets sind nicht nur für die Repressionsorgane hilfreich, sondern können richtig eingesetzt auch gegen sie verwendet werden. Dank UMTS und LTE lassen sich Fotos und Berichte mit Smartphones, Tablets und inzwischen sogar Digitalkameras direkt von unterwegs online stellen. Dabei gilt es natürlich abzuwägen zwischen dem Nutzen und den Gefahren, den die Bilder für AktivistInnen haben können. Mit Live-Bildern lässt sich schnell eine breite Öffentlichkeit erreichen, die ungefiltert sieht was vor Ort geschieht. Aber nicht jede und jeder ist bereit seinen zivilen Ungehorsam dokumentieren zu lassen, gleichzeitig besteht aber auch die Chance, dass Polizeigewalt und brutale Aktionen der Sicherheitsorgane dokumentiert werden und nicht im verborgenen geschehen, wie etwa bei der "Freiheit statt Angst"-Demo 2009 in Berlin. Den Betreibern von sozialen Netzwerken geht es in erster Linie und mit verschiedenen Konzepten darum Gewinn zu machen. Dementsprechend überwachen sie ihre Nutzer und arbeiten auch mit Sicherheitsbehörden zusammen. Trotzdem nutzen auch viele politisch aktive und interessierte Menschen sie. Dabei sollte jedoch jedem bewusst sein, dass sie genau wie de.indymedia.org nicht als Ort für Diskussionen taugen, sondern nur eine Plattform zur Verbreitung der eigenen Inhalte sind. <h3>Indymedia und die Zielgruppe</H3> Die Zielgruppe von de.indymedia.org war nie auf eine linksradikale Szene oder Teilbereiche davon begrenzt, auch wenn die Wahrnehmung teilweise eine andere war. Indymedia wollte immer ein Sprachrohr für alle halbwegs progressiven AktivistInnen aus sozialen Kämpfen und politischen Bewegungen sein. Die ersten AktivistInnen von de.indymedia.org waren mit dem Anspruch angetreten nicht nur zu Berichten, sondern vor allem die Medienkompetenz zu vermitteln, damit viele berichten können. In der Praxis klappte die Vermittlung der Medienkompetenz nur in einem sehr geringen Umfang. Den Indy-Aktiven gelangen nur wenige Veranstaltungen und auf der Webseite flachte das Niveau der Beiträge ab. Anstatt Berichte kamen Flugblätter und Gruppen-Statements, gute SchreiberInnen wurden durch Troll-Kommentare vergrault. Ein Beispiel, das auch den technischen Fortschritt aufgreift: Bei der Besetzung der nigerianischen Botschaft in Berlin im Oktober 2012 gab es einen Video-Livestream direkt aus dem Gebäude. Dieser dokumentierte die Ereignisse unkommentiert. Für Zuschauer, egal wie eng mit der Materie vertraut, ist das die meiste Zeit über langweilig. Besser für die Außenwirkung wäre es gewesen ein Programm vorbereitet zu haben, dass über die Hintergründe informiert und nicht nur aus dem Vorlesen eines Flugblatts besteht. GesprächspartnerInnen gab es ja vor Ort. Je nach aktueller Entwicklung würde man natürlich vom Plan abweichen. <h3>Indymedia und die Konflikte</h3> Konflikte innerhalb der Linken schlugen sich auch auf de.indymedia.org nieder. Die nur selten sinnvoll geführte Debatte zwischen sogenannten "Antiimps" und "Antideutschen" legte zum Beispiel die Kommentarfunktion fast lahm und führte die Moderatoren an den Rand der Belastbarkeit. Am Ende war es soweit, dass bestimmte Themen auf der Seite zurückhaltend behandelt wurden. Wahlweise war Indymedia dabei natürlich ein Sprachrohr der "Antiimps" oder "Antideutschen". Es gab zwar innerhalb der Aktiven bei de.indymedia.org unterschiedliche inhaltliche Positionierungen zu dem Thema, aber grundsätzlich waren sich alle einig, dass die IMC-Webseite der falsche Ort für diese Debatte ist. Anders als in anderen Ländern war das IMC in Deutschland von Beginn an nicht nur auf eine Stadt oder Region begrenzt, sondern für das ganze "Land" vorgesehen. Regionale Gruppen sollten aber trotzdem für eine breite Verankerung vor Ort sorgen. Nach einigen Jahren stießen Leute aus Freiburg zu de.indymedia.org hinzu. Das Kollektiv hatte seine besten Zeiten schon hinter sich. Die Freiburger brachten neuen Wind und hatten teilweise komplett andere Ideen, welche Inhalte auf der Webseite stehen sollen. Konkret ging es zum Beispiel um Outings von Neonazis und Selbstbezichtigungen nach Anschlägen. Zwei Themen die rechtliche Auswirkungen nach sich ziehen können. Die Debatte verlief nicht gerade positiv und führte am Ende zur Gründung von linksunten.indymedia.org als Projekt der "Freiburger". Die Webseite von de.indymedia.org dümpelt seitdem weiter vor sich hin, hätte aber frische Ideen gut vertragen können. <h3>Rechtliches / Struktur</h3> Hinter de.indymedia.org stand immer eine lose Struktur aus Kleingruppen und Einzelpersonen in verschiedenen Städten. Teilweise wurde aus der Anonymität agiert, teilweise nicht. Eine offizielle Struktur in Form eines Vereins ergibt Sinn. Dieser kann Gelder einwerben und so die Finanzierung der Server sicherstellen. Darüber hinaus kann er die Ideen hinter Indymedia selbstbewusst nach außen tragen, denn die Berichterstattung über soziale Bewegungen und die Förderung von Medienkompetenz sind bei weiten nichts für das man sich verstecken müsste. Selbst wenn es gelingt zwischen einem Indymedia-Förderverein und der Verantwortung für die Webseite de.indymedia.org zu trennen, dürfte sich der Verein früher oder später vor Gericht wieder finden. In meinen Augen geht die Gefahr aber weniger von staatlichen Repressionsorganen aus, sondern von zivilrechtlichen Klagen und Unterlassungsverfügungen von Nazis und anderen sich falsch dargestellt und zu Unrecht als Böse bezeichnet gefühlten Menschen. Das Internet ist entgegen der Behauptung von vielen Innenpolitikern nie ein rechtsfreier Raum gewesen. Dies würde bedeuten, dass der Verein viel Geld und Zeit in Gerichtsverfahren investieren müsste oder schnell am Ende ist. Alternativ könnten eine klare Trennung von Webseite und Verein helfen oder die Moderationspolitik auf de.indymedia.org müsste sehr streng werden. <h3>Was bringt die Zukunft</h3> Indymedia hat heute einen anderen Stellenwert als vor zehn Jahren. Technisch, wenn es um die Möglichkeit Inhalte im Internet zu veröffentlichen geht, muss de.indymedia.org aktualisiert werden. Wenn es um die Bündelung alternativer Medienberichterstattung geht ist de.indymedia.org immer noch ein sinnvolles Projekt, das die Themen, die keine bis wenig Aufmerksamkeit erhalten, einem größeren Publikum nahe bringen kann. Sollten die unter dem Schlagwort CleanIT kursierenden Pläne der EU umgesetzt werden, wäre Indymedia der letzte Ort an dem sich mit einer gewissen Anonymität Texte veröffentlichen lassen würden. In diesem Sinne macht es immer noch Sinn das Projekt Indymedia zu erhalten - eine Wiederbelebung ist auf jeden Fall notwendig.
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