Indymedia Veranstaltung: Analyse, aktuelle Situation und Ausblick
Zehn Jahre Indymedia sind genug - Kommt der Neuanfang oder die
Abschaltung?
Bekannt wurde Indymedia mit den Protesten gegen das WTO-Treffen in
Seattle im November 1999. Damals berichteten zum ersten Mal nicht nur
die etablierten Medien, sondern die AktivistInnen konnten ihre Sicht
auf die Ereignisse im Internet verbreiten und so ihre Erfolge
definieren. Zumindest die an den Protesten Interessierten erhielten so
eine umfangreiche Berichterstattung vom Ort des Geschehens. Ohne die
bei "herkömmlichen" Medien aus verschiedenen Gründen üblichen
Verkürzungen, einseitigen Betrachtungen oder sogar Lügen. Alternative
Medienarbeit gab es natürlich schon vor Indymedia. Aber den Exkurs auf
Arbeiterzeitungen, die APO, Interim, Zeck und Radikal sowie die
Zapatisten klammern wir hier erstmal aus.
Im Jahr 2000 begannen in Deutschland begannen die ersten Gruppen
Überlegungen zu einem lokalen Independent Media Center (IMC)
anzustellen. Auf einem Treffen in der Roten Flora in Hamburg mit
bereits bestehenden Medienprojekten wurde überlegt, ob Indymedia eine
unnötige Konkurrenz oder ein sinnvolle Ergänzung zu den bestehenden
Projekten darstelle.
Die Antwort viel eindeutig aus und kurz vor dem Castor-Transport im
März 2001 ging de.indymedia.org online. Während des Transports ächzten
die Server unter damals unglaublichen über eine halbe Million
Zugriffen am Tag. Über Terminals in den Camps und anderen
Widerstandsorten berichteten AktivistInnen von ihren Aktionen.
Aber Indymedia diente nicht nur zur Berichterstattung, sondern auch
zur Vorbereitung von Aktionen. Durch den Live-Ticker, der zuverlässig
über den Standort des Castor-Zuges berichtete, wussten die
AktivistInnen von Robin Wood genau, wann der richtige Moment war, um
sich im Gleisbett anzuketten. Damit schafften sie es den Transport um
einen Tag zu verlängern und sorgten mit dem zurückfahrenden Zug für
sehr symbolische Bilder.
<h3>Indymedia und der technische Fortschritt<h3>
In den ersten Jahren war de.indymedia.org ein Novum und technisch auf
der Höhe der Zeit und für viele politisch Aktive ein schneller und
einfacher Weg sich im Internet zu präsentieren. Sowohl das Layout als
auch die Technik hinter de.indymedia.org sind seit zu vielen Jahren
unverändert.
Ein Beispiel: Einen Ticker bei de.indymedia.org einzurichten und mit
Inhalten zu füttern ist für nicht direkt mit dem Projekt verbundene
Gruppen und Personen mit großem Aufwand verbunden. Ein Konto bei
Twitter oder identi.ca, um die weniger bekannte
Open-Source-Alternative zu nennen, ist heute in wenigen Minuten
eingerichtet und lässt sich wunderbar als Ticker verwenden, der sogar
über mobile Geräte unkompliziert abgerufen werden kann.
Welches CMS, welche Layout und welche Plugins die besten sind, müssen
die Leute überlegen, die de.indymedia.org wieder beleben. Sie müssen
aber auf jeden Fall den technischen Fortschritt beachten - zumindest
in einem gewissen Rahmen.
Der technische Fortschritt hilft auch sozialen Bewegungen sich zu
organisieren, ihre Inhalte zu verbreiten und Aktionen durchzuführen -
wobei der Umgang mit dem Internet bewusst erfolgen und
verantwortungsvoll sein muss. Eigene Plattformen sind hier
unerlässlich, denn so schön die Ideen von kleinen, sympathischen
Start-Ups auch sein mögen, sollte sie erfolgreich sein, wollen auch
sie nur ihren Teil von der kapitalistischen Verwertungskette abhaben.
Im Zweifel arbeiten sie auch mit Repressionsorganen, die wiederum
ihren ganz eigenen Zugriff auf die moderne Technik haben, bei der
Verfolgung politisch Bewegter zusammen.
Dabei sollte aber auch jedem klar sein, dass es eine vollständige
Anonymität im Internet nicht gibt. Mit viel Aufwand lässt sich eine
Identität zwar halbwegs verschleiern, aber wer so einen riesigen
Aufwand betreiben muss, sollte sich überlegen, ob das Internet für ihn
oder sie an dieser Stelle der richtige Ort ist.
Die Verbreitung von mobilen Geräten mit Internetzugang wie Smartphones
und Tablets sind nicht nur für die Repressionsorgane hilfreich,
sondern können richtig eingesetzt auch gegen sie verwendet werden.
Dank UMTS und LTE lassen sich Fotos und Berichte mit Smartphones,
Tablets und inzwischen sogar Digitalkameras direkt von unterwegs
online stellen. Dabei gilt es natürlich abzuwägen zwischen dem Nutzen
und den Gefahren, den die Bilder für AktivistInnen haben können. Mit
Live-Bildern lässt sich schnell eine breite Öffentlichkeit erreichen,
die ungefiltert sieht was vor Ort geschieht. Aber nicht jede und jeder
ist bereit seinen zivilen Ungehorsam dokumentieren zu lassen,
gleichzeitig besteht aber auch die Chance, dass Polizeigewalt und
brutale Aktionen der Sicherheitsorgane dokumentiert werden und nicht
im verborgenen geschehen, wie etwa bei der "Freiheit statt
Angst"-Demo 2009 in Berlin.
Den Betreibern von sozialen Netzwerken geht es in erster Linie und mit
verschiedenen Konzepten darum Gewinn zu machen. Dementsprechend
überwachen sie ihre Nutzer und arbeiten auch mit Sicherheitsbehörden
zusammen. Trotzdem nutzen auch viele politisch aktive und
interessierte Menschen sie. Dabei sollte jedoch jedem bewusst sein,
dass sie genau wie de.indymedia.org nicht als Ort für Diskussionen
taugen, sondern nur eine Plattform zur Verbreitung der eigenen Inhalte
sind.
<h3>Indymedia und die Zielgruppe</H3>
Die Zielgruppe von de.indymedia.org war nie auf eine linksradikale
Szene oder Teilbereiche davon begrenzt, auch wenn die Wahrnehmung
teilweise eine andere war. Indymedia wollte immer ein Sprachrohr für
alle halbwegs progressiven AktivistInnen aus sozialen Kämpfen und
politischen Bewegungen sein.
Die ersten AktivistInnen von de.indymedia.org waren mit dem Anspruch
angetreten nicht nur zu Berichten, sondern vor allem die
Medienkompetenz zu vermitteln, damit viele berichten können.
In der Praxis klappte die Vermittlung der Medienkompetenz nur in einem
sehr geringen Umfang. Den Indy-Aktiven gelangen nur wenige
Veranstaltungen und auf der Webseite flachte das Niveau der Beiträge
ab. Anstatt Berichte kamen Flugblätter und Gruppen-Statements, gute
SchreiberInnen wurden durch Troll-Kommentare vergrault.
Ein Beispiel, das auch den technischen Fortschritt aufgreift: Bei der
Besetzung der nigerianischen Botschaft in Berlin im Oktober 2012 gab
es einen Video-Livestream direkt aus dem Gebäude. Dieser dokumentierte
die Ereignisse unkommentiert. Für Zuschauer, egal wie eng mit
der Materie vertraut, ist das die meiste Zeit über langweilig.
Besser für die Außenwirkung wäre es gewesen ein Programm vorbereitet
zu haben, dass über die Hintergründe informiert und nicht nur aus dem
Vorlesen eines Flugblatts besteht. GesprächspartnerInnen gab es ja vor
Ort. Je nach aktueller Entwicklung würde man natürlich vom Plan abweichen.
<h3>Indymedia und die Konflikte</h3>
Konflikte innerhalb der Linken schlugen sich auch auf de.indymedia.org
nieder. Die nur selten sinnvoll geführte Debatte zwischen sogenannten
"Antiimps" und "Antideutschen" legte zum Beispiel die
Kommentarfunktion fast lahm und führte die Moderatoren an den Rand der
Belastbarkeit. Am Ende war es soweit, dass bestimmte Themen auf der
Seite zurückhaltend behandelt wurden. Wahlweise war Indymedia dabei
natürlich ein Sprachrohr der "Antiimps" oder "Antideutschen".
Es gab zwar innerhalb der Aktiven bei de.indymedia.org
unterschiedliche inhaltliche Positionierungen zu dem Thema, aber
grundsätzlich waren sich alle einig, dass die IMC-Webseite der falsche
Ort für diese Debatte ist.
Anders als in anderen Ländern war das IMC in Deutschland von Beginn an
nicht nur auf eine Stadt oder Region begrenzt, sondern für das ganze
"Land" vorgesehen. Regionale Gruppen sollten aber trotzdem für eine
breite Verankerung vor Ort sorgen.
Nach einigen Jahren stießen Leute aus Freiburg zu de.indymedia.org
hinzu. Das Kollektiv hatte seine besten Zeiten schon hinter sich. Die
Freiburger brachten neuen Wind und hatten teilweise komplett andere
Ideen, welche Inhalte auf der Webseite stehen sollen. Konkret ging es
zum Beispiel um Outings von Neonazis und Selbstbezichtigungen nach
Anschlägen. Zwei Themen die rechtliche Auswirkungen nach sich ziehen
können.
Die Debatte verlief nicht gerade positiv und führte am Ende zur
Gründung von linksunten.indymedia.org als Projekt der "Freiburger".
Die Webseite von de.indymedia.org dümpelt seitdem weiter vor sich hin,
hätte aber frische Ideen gut vertragen können.
<h3>Rechtliches / Struktur</h3>
Hinter de.indymedia.org stand immer eine lose Struktur aus
Kleingruppen und Einzelpersonen in verschiedenen Städten. Teilweise
wurde aus der Anonymität agiert, teilweise nicht.
Eine offizielle Struktur in Form eines Vereins ergibt Sinn. Dieser
kann Gelder einwerben und so die Finanzierung der Server
sicherstellen. Darüber hinaus kann er die Ideen hinter Indymedia
selbstbewusst nach außen tragen, denn die Berichterstattung über
soziale Bewegungen und die Förderung von Medienkompetenz sind bei
weiten nichts für das man sich verstecken müsste.
Selbst wenn es gelingt zwischen einem Indymedia-Förderverein und der
Verantwortung für die Webseite de.indymedia.org zu trennen, dürfte
sich der Verein früher oder später vor Gericht wieder finden. In
meinen Augen geht die Gefahr aber weniger von staatlichen
Repressionsorganen aus, sondern von zivilrechtlichen Klagen und
Unterlassungsverfügungen von Nazis und anderen sich falsch dargestellt
und zu Unrecht als Böse bezeichnet gefühlten Menschen. Das Internet
ist entgegen der Behauptung von vielen Innenpolitikern nie ein
rechtsfreier Raum gewesen.
Dies würde bedeuten, dass der Verein viel Geld und Zeit in
Gerichtsverfahren investieren müsste oder schnell am Ende ist.
Alternativ könnten eine klare Trennung von Webseite und Verein helfen
oder die Moderationspolitik auf de.indymedia.org müsste sehr streng
werden.
<h3>Was bringt die Zukunft</h3>
Indymedia hat heute einen anderen Stellenwert als vor zehn Jahren.
Technisch, wenn es um die Möglichkeit Inhalte im Internet zu
veröffentlichen geht, muss de.indymedia.org aktualisiert werden. Wenn
es um die Bündelung alternativer Medienberichterstattung geht ist
de.indymedia.org immer noch ein sinnvolles Projekt, das die Themen,
die keine bis wenig Aufmerksamkeit erhalten, einem größeren Publikum
nahe bringen kann. Sollten die unter dem Schlagwort CleanIT
kursierenden Pläne der EU umgesetzt werden, wäre Indymedia der letzte
Ort an dem sich mit einer gewissen Anonymität Texte veröffentlichen
lassen würden. In diesem Sinne macht es immer noch Sinn das Projekt
Indymedia zu erhalten - eine Wiederbelebung ist auf jeden Fall notwendig.